Materialwissenschaft & Evidenz
Hyaluronsäure und Calciumhydroxylapatit
Zwei Materialklassen, zwei wissenschaftliche Logiken
In der ästhetischen Medizin werden Materialklassen gern in kurze Wirkversprechen übersetzt: Hyaluronsäure „füllt“, Calciumhydroxylapatit „stimuliert“. Solche Formeln sind eingängig – und wissenschaftlich zu grob. Entscheidend sind Produktarchitektur, untersuchter Endpunkt, Gewebeumgebung und die Grenzen der jeweiligen Studie.
Das Wichtigste vorab
Fünf belastbare Kernaussagen
- Die Materialklasse allein erlaubt keine sichere Aussage über eine konkrete Produktvariante oder deren vorgesehene Anwendung.
- Bei Hyaluronsäure beeinflussen Herstellungsverfahren, Vernetzung, Konzentration und Gelarchitektur die messbaren Eigenschaften.
- Rheologische Laborwerte können Materialverhalten beschreiben, ersetzen aber keine klinische Evidenz.
- Für Calciumhydroxylapatit gibt es Hinweise auf Veränderungen der extrazellulären Matrix; wichtige Studien sind jedoch klein und nutzen überwiegend histologische oder mechanische Surrogatendpunkte.
- Herstellerbeteiligung und Studiengrenzen gehören in jede faire Interpretation.
Der erste Denkfehler: Materialklasse mit Produktwirkung gleichsetzen
Hyaluronsäure und Calciumhydroxylapatit unterscheiden sich in ihrer Materialbasis. Diese Feststellung ist korrekt, aber noch keine Therapieaussage. Innerhalb einer Materialklasse können Produkte in Konzentration, Vernetzung, Gelstruktur, Partikel- oder Mikrosphärenanteil, Trägermaterial und zugelassener beziehungsweise vorgesehener Zweckbestimmung variieren. Darum ist „HA“ ebenso wenig eine vollständige Produktbeschreibung wie „CaHA“.
Die öffentlichen Herstellerseiten ordnen BELOTERO® als Hyaluronsäure-Portfolio mit CPM®-Technologie ein. RADIESSE® wird als Gelträger mit Calciumhydroxylapatit-Mikrosphären beschrieben. 1 2 Diese Angaben benennen die Materialbasis. Welche Variante in welchem Rahmen verwendet werden darf, ergibt sich daraus noch nicht; hierfür bleibt die jeweilige aktuelle Gebrauchsinformation entscheidend. 3
Eine seriöse Gegenüberstellung fragt deshalb nicht pauschal: Welches Material ist besser? Sie fragt: Welche Eigenschaft wurde an welchem Produkt mit welcher Methode untersucht – und wie weit trägt dieses Ergebnis über den Versuchsaufbau hinaus?
Hyaluronsäure: ein gemeinsamer Ausgangsstoff, viele Gelarchitekturen
Hyaluronsäure ist ein natürlicher Bestandteil der extrazellulären Matrix. Für injizierbare Filler wird sie in der Regel so verarbeitet und vernetzt, dass ein Gel mit definierter Stabilität und mechanischem Verhalten entsteht. Das Herstellungsverfahren prägt deshalb die Eigenschaften des Endprodukts ebenso wie die reine HA-Konzentration.
In der Rheologie werden unter anderem elastische und viskose Anteile untersucht. Der Speichermodul G′ beschreibt vereinfacht den elastischen Anteil unter einer definierten Messbedingung; der Verlustmodul G″ den viskosen Anteil. Daneben werden Viskosität, tan δ, Wasseraufnahme und Kohäsivität diskutiert. Diese Größen sind keine Schulnoten. Sie beschreiben unterschiedliche Aspekte eines Materials und hängen von Messprotokoll, Temperatur, Frequenz und Vorbehandlung der Probe ab. 4
Ein hoher oder niedriger Einzelwert ist daher nicht automatisch günstig. Vor allem lässt sich aus einem Laborwert keine universelle anatomische Eignung ableiten. Die 2015 vorgestellte Gavard-Sundaram-Skala zeigte, dass sich sechs untersuchte HA-Filler in einem standardisierten Kohäsivitätstest unterschieden. Die Autoren betonten selbst, dass In-vitro-Daten klinisch bestätigt werden müssen. 5 Eine Untersuchung von 2024 kam zudem zu unterschiedlichen Rangfolgen je nach eingesetztem Kohäsivitätstest und verwies auf das Fehlen eines einheitlichen Standards. 6
CPM® unter dem Mikroskop: interessant, aber kein Freibrief für Überlegenheit
CPM® steht für Cohesive Polydensified Matrix. Der Hersteller beschreibt damit die Technologie der BELOTERO®-Produktfamilie. Eine häufig zitierte histologische Arbeit verglich drei CE-gekennzeichnete HA-Filler mit unterschiedlicher Gelarchitektur. Bei 15 Personen wurden die Produkte intradermal im Bereich des Beckenkamms eingebracht und Gewebeproben nach acht und 114 Tagen untersucht. Die Autoren beobachteten produktspezifische Verteilungsmuster; das kohäsive polydensifizierte Gel zeigte in diesem Modell eine besonders homogene Integration in der retikulären Dermis. 7
Der Befund ist materialwissenschaftlich relevant, seine Reichweite aber begrenzt. Untersucht wurden 15 Personen, eine standardisierte Testregion und histologische Endpunkte. Daraus lässt sich nicht ohne Weiteres eine Überlegenheit für jede Gesichtsregion, jede Indikation oder jedes klinische Ziel ableiten. „Homogene Integration“ beschreibt das beobachtete Gewebemuster – nicht automatisch ein besseres Ergebnis aus Sicht der Patientinnen und Patienten.
Genau an dieser Stelle trennt sich Fachjournalismus von Produktkommunikation: Er berichtet den positiven Befund vollständig und benennt im selben Atemzug Studiendesign, Stichprobengröße und Übertragungsgrenze.
Calciumhydroxylapatit: Mikrosphären, Gelträger und Matrixantwort
RADIESSE® besteht laut Hersteller aus Calciumhydroxylapatit-Mikrosphären in einem Gelträger. 2 In Publikationen wird CaHA häufig als „Biostimulator“ bezeichnet. Der Begriff ist als klinische Kurzform verbreitet, darf aber nicht die präzise Produktbeschreibung ersetzen. Relevant ist, welche Gewebereaktion tatsächlich gemessen wurde.
Eine randomisierte Split-Face-Studie untersuchte 24 Frauen im Alter von 35 bis 45 Jahren. CaHA und ein HA-Filler wurden postaurikulär auf gegenüberliegenden Seiten eingebracht; Biopsien nach vier und neun Monaten wurden auf Kollagen I und III, Elastin sowie weitere Marker untersucht. Die Autoren berichteten unterschiedliche zeitliche Muster der Kollagenfärbung und stärkere Elastinmarker für CaHA. 8 Das ist ein Hinweis auf Matrixremodelling im untersuchten Modell – aber noch kein Beleg dafür, dass CaHA in jeder klinischen Situation „besser“ ist. Der Studienort hinter dem Ohr, die kleine Stichprobe und histologische Marker begrenzen die Aussage.
Eine weitere Studie mit 15 Personen verglich Biopsien vor und 180 Tage nach CaHA-Injektion und fand Zunahmen bei elastischen Fasern, Elastin und Proteoglykanen. Die Autoren forderten ausdrücklich größere und längere Studien zur Bestätigung. 9 Diese Selbstbegrenzung ist wichtig: Prozentuale Veränderungen in kleinen Gewebestichproben sind kein Ersatz für robuste, langfristige patientenrelevante Endpunkte.
Was Pilotstudien zeigen – und warum das Wort „Pilot“ zählt
In einer Pilotstudie mit 20 Personen wurden nach verdünntem CaHA histologische Veränderungen sowie Ultraschall- und Cutometrieparameter an Hals und Dekolleté untersucht. Die Arbeit berichtete signifikante Zunahmen von Kollagen- und Elastinmarkern sowie Veränderungen der gemessenen Hautmechanik. 10 Das Ergebnis unterstützt die biologische Plausibilität eines Remodelling-Effekts.
Gleichzeitig war die Studie klein, nicht als großer unabhängiger Wirksamkeitsvergleich angelegt und kombinierte mehrere Verdünnungen abhängig von der Hautbeschaffenheit. Solche Daten sind hypothesengenerierend und klinisch interessant, aber keine universelle Dosierungs- oder Anwendungsempfehlung. Deshalb nennt dieser Beitrag bewusst keine Mischungsverhältnisse oder Technikdetails: Diese gehören in die produktspezifische Fachunterlage, qualifizierte Fortbildung und individuelle medizinische Verantwortung – nicht in einen öffentlichen Grundlagenartikel.
Auch eine präklinische Arbeit von 2024 zu Makrophagenreaktionen untersuchte Zellkulturbedingungen, nicht Behandlungsergebnisse bei Patientinnen und Patienten. Sie fand im Vergleich von CaHA und Poly-L-Milchsäure unterschiedliche Zytokinmuster. Die Autoren waren teilweise bei Merz Aesthetics beschäftigt, und die Arbeit wurde vom Unternehmen finanziert. 11 Der Befund darf berichtet werden; seine industrielle Herkunft und die In-vitro-Natur müssen ebenso sichtbar bleiben.
Die unterschätzte Variable: Was wurde überhaupt gemessen?
Materialforschung arbeitet mit Endpunkten, die leicht eindrucksvoll klingen: G′, Kohäsivität, Kollagenfärbung, Elastin, Dermisdicke oder Cutometrie. Jeder dieser Parameter beantwortet eine eigene Frage. Keiner steht allein für „Natürlichkeit“, „Sicherheit“ oder „besseres Ergebnis“.
Für eine saubere Einordnung hilft eine Dreiteilung. Erstens: In-vitro-Endpunkte beschreiben ein Material außerhalb des Körpers. Zweitens: Histologische und bildgebende Endpunkte zeigen Gewebe- oder Strukturveränderungen. Drittens: klinische Endpunkte erfassen sichtbare Ergebnisse, Dauer, unerwünschte Ereignisse oder patientenberichtete Resultate. Je weiter die Schlussfolgerung vom gemessenen Endpunkt entfernt ist, desto größer ist das Risiko der Überinterpretation.
Hinzu kommt die Produktbindung. Ergebnisse einer untersuchten Formulierung dürfen nicht automatisch auf jede Variante derselben Marke, auf jedes CaHA- oder HA-Produkt oder auf eine andere Anwendungssituation übertragen werden. Das ist keine akademische Spitzfindigkeit, sondern die Grundregel exakter Evidenzkommunikation.
- Laborwert: beschreibt Verhalten unter definierten Messbedingungen
- Histologischer Marker: zeigt eine messbare Gewebereaktion im untersuchten Modell
- Klinischer Endpunkt: beschreibt das Ergebnis in der untersuchten Population
- Patientenrelevanter Endpunkt: erfasst Nutzen oder Belastung aus Patientensicht
- Sicherheitsprofil: benötigt ausreichend große, systematisch beobachtete Kollektive und Zeiträume
Interessenkonflikte sind Kontext, kein automatisches Gegenargument
In der ästhetischen Medizin werden viele Studien von Herstellern ermöglicht, finanziert oder gemeinsam mit industrienahen Autorinnen und Autoren durchgeführt. Ohne diese Forschung gäbe es weniger produktspezifische Daten. Gleichzeitig kann Finanzierung Studiendesign, Vergleichsprodukt, Endpunktauswahl und Publikationsrahmen beeinflussen.
Eine faire Bewertung vermeidet zwei Extreme. Herstellerfinanzierte Forschung ist nicht automatisch falsch. Sie ist aber auch nicht automatisch unabhängig. Entscheidend sind transparente Interessenkonflikte, ein nachvollziehbares Protokoll, angemessene Kontrollen, vollständige Ergebnisdarstellung und die Bestätigung durch weitere Arbeitsgruppen.
Für die hier besprochenen Befunde bedeutet das: Die mechanistischen Daten zu CPM® und CaHA sind fachlich relevant. Ihre Aussagekraft wird stärker, wenn sie mit unabhängigen, ausreichend großen klinischen Studien und patientenrelevanten Endpunkten zusammengeführt wird. Bis dahin ist Zurückhaltung keine Skepsis um der Skepsis willen, sondern wissenschaftliche Präzision.
Was die Praxis aus dem Vergleich mitnehmen kann
Hyaluronsäurebasierte Filler und Calciumhydroxylapatit folgen unterschiedlichen Materialkonzepten. Das rechtfertigt eine getrennte Betrachtung – nicht aber eine Rangliste. Produktwahl darf weder aus einem einzigen Rheologiewert noch aus einer einzelnen Biopsiestudie abgeleitet werden.
Die belastbare Reihenfolge lautet: konkrete Variante identifizieren, gültige Gebrauchsinformation prüfen, Zweckbestimmung und Warnhinweise beachten, anschließend die wissenschaftliche Literatur zur genau passenden Fragestellung einordnen. Studien erweitern das Verständnis. Sie ersetzen nicht die Produktinformation und nicht die individuelle fachliche Beurteilung.
Der vielleicht wichtigste Satz lautet deshalb: Materialwissenschaft kann erklären, warum sich Produkte unterscheiden könnten. Ob dieser Unterschied im konkreten klinischen Kontext relevant ist, muss die passende klinische Evidenz zeigen.
Quellenapparat
Primärquellen und Originalarbeiten
Quellenangaben führen bewusst direkt zu Rechtstexten, Behörden, Hersteller-Originalquellen oder den Datensätzen der zitierten Studien.
- 1HerstellerinformationMerz Aesthetics: BELOTERO®
Öffentliche Herstellerbeschreibung der Hyaluronsäure-Produktfamilie und CPM®-Technologie, abgerufen am 3. September 2026.
- 2HerstellerinformationMerz Aesthetics: RADIESSE®
Öffentliche Herstellerbeschreibung von Gelträger und Calciumhydroxylapatit-Mikrosphären, abgerufen am 3. September 2026.
- 3Hersteller-OriginalquelleMerz Aesthetics: Portal für Gebrauchsinformationen
Produktspezifisches IFU-Portal. Maßgeblich ist die aktuelle Fassung für die konkrete Variante.
- 4OriginalarbeitSundaram H, Cassuto D. Biophysical characteristics of hyaluronic acid soft-tissue fillers
Plast Reconstr Surg. 2013;132(4 Suppl 2):5S–21S. doi:10.1097/PRS.0b013e31829d1d40.
- 5OriginalarbeitSundaram H et al. Cohesivity of Hyaluronic Acid Fillers
Plast Reconstr Surg. 2015;136(4):678–686. doi:10.1097/PRS.0000000000001638. Pilotvalidierung eines Kohäsivitätstests; Industriebeteiligung in den Affiliationen ausgewiesen.
- 6OriginalarbeitKim KT, Lee W, Yang EJ. Cohesiveness of Hyaluronic Acid Fillers
Arch Plast Surg. 2024;51(1):14–19. doi:10.1055/a-2234-1019. Vergleich mehrerer Kohäsivitätstests.
- 7OriginalarbeitTran C et al. In vivo bio-integration of three hyaluronic acid fillers in human skin
Dermatology. 2014;228(1):47–54. doi:10.1159/000354384. Histologische Studie mit 15 Personen.
- 8OriginalarbeitYutskovskaya Y, Kogan E, Leshunov E. Randomized split-face histomorphologic study
J Drugs Dermatol. 2014;13(9):1047–1052. PMID:25226004. Vergleich histologischer Marker nach CaHA- und HA-Anwendung bei 24 Frauen.
- 9OriginalarbeitGonzález N, Goldberg DJ. Effects of injected calcium hydroxylapatite on elastin and proteoglycans
Dermatol Surg. 2019;45(4):547–551. doi:10.1097/DSS.0000000000001809. Biopsiestudie mit 15 Personen.
- 10OriginalarbeitYutskovskaya YA, Kogan EA. Improved neocollagenesis and skin mechanical properties after diluted CaHA
J Drugs Dermatol. 2017;16(1):68–74. PMID:28095536. Pilotstudie mit 20 Personen.
- 11Präklinische OriginalarbeitNowag B et al. Biostimulating fillers and induction of inflammatory pathways
J Cosmet Dermatol. 2024;23(1):99–106. doi:10.1111/jocd.15928. In-vitro-Studie; von Merz Aesthetics finanziert, mehrere Autoren mit Unternehmensaffiliation.
Redaktionelle Transparenz
Redaktioneller Standard
Die Quellen wurden nach Endpunkttyp getrennt bewertet. Positive mechanistische Befunde werden nicht als pauschale klinische Überlegenheit dargestellt. Herstellerfinanzierung und kleine Stichproben sind ausdrücklich Teil der Einordnung.
Redaktionell recherchiert; keine externe Peer-Review. Vor der Nutzung als verbindliche Praxisanweisung ist eine medizinische und rechtliche Prüfung im jeweiligen Verantwortungsbereich erforderlich.
Der Beitrag ist eine materialwissenschaftliche und evidenzkritische Orientierung. Er enthält keine Empfehlung für ein Produkt, eine Indikation, eine Injektionstechnik, eine Verdünnung oder eine Dosierung. Maßgeblich sind die aktuelle Gebrauchsinformation und die individuelle Entscheidung qualifizierter medizinischer Fachanwender.
Weiterlesen
